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19.03.05

Abschalten!

OfficeUeberfuellungKopie.jpg 16 Tage hier. Seitdem habe ich 24 Stunden Dauerbeschallung. Ich wache morgens auf, um mich herum Menschen. Ich gehe abends ins Bett, um mich herum Menschen. Die Anzahl variiert zwischen eins und 17. Dabei spielt es keine Rolle, ob man im Büro ist, oder im Camp. Überall Menschen. Und in der Zwischenzeit kommen und gehen sie, wie die Fliegen, denn irgendwas muss einfach immer erledigt werden. Und so wie mir, geht es natürlich jedem. All denen die jetzt länger als eine Woche da sind, merkt man langsam an, dass eine kleine Auszeit willkommen wäre. Mich eingeschlossen. Wen wundert’s? 24 Stunden, sieben Tage die Woche immer präsent sein, immer an die Sache denken... . Sich für die Sache einsetzen ist schön und gut, doch jeder braucht einfach mal eine Auszeit! Das ist ganz normal.

Doch wie holt man sich die nötige Ruhe, um Kraft zu tanken? Eine Frage mit der ich mich jetzt nun schon seit ein paar Tagen beschäftige. Und nach einigen Feldbeobachtungen muß ich sagen: Jeder hat seine eigene Strategie. Vor Thomas, einem der Finnen, ziehe ich beispielsweise meinen Hut. Er meditiert. Egal ob 17 Leute drum herum sind, oder nicht. Er liegt ruhig da und schaut ins Nichts. Bewundernswert. Der hat im wahrsten Sinne des Wortes die Ruhe weg. Sicherlich ein Resultat seiner langen Reise durch Indien.

Dave hingegen war gestern auf Mini-Urlaub, wie er meinte. Auf einmal packte er abends um halb zwölf seine Sachen. Na ja, um genau zu sein, stopfte er Zahnbürste, Zahnpasta, frische Unterwäsche und ein paar Socken in eine Plastiktüte und zog sich seine Jacke an. "Tschüs bis morgen – ich mach jetzt Ferien." Matti, unser finnischer Fotograf, und ich waren doch leicht verdutzt. "Ich muss einfach mal ausschlafen, und wenn immer so viel Leute über mich steigen, kann ich das nicht," meinte Dave, schwang fröhlich seine Tüte und ging. Ich kann’s verstehen. Würde ich nicht abends mit meinem Schatz in Hamburg skypen (Internettelefon) wollen, hätte ich schon längst Reißaus genommen. Nun denn, immerhin eine Schnarchnase weniger heute Nacht. Das hat durchaus Vorteile. - Heute morgen kam er dann strahlend wie ein Honigkuchenpferd und verkündete: "Jetzt bin ich ein neuer Mann."

Die Hotelnummer ist jedoch nicht neu. Peterie und Anna haben das auch schon ein, zwei Mal gemacht. Zum Glück ist das Hotel sehr günstig und gleich gegenüber, so dass es zum Büro nur ein paar Katzensprünge sind. Die im Camp haben es da schon schwerer. Wenn man dort seine Ruhe haben möchte, muss man in den sauren Apfel beißen und ins Zelt. Doch manchmal sind wohl ungeahnte Minusgrade besser als ein paar Menschen in einem Container, der so heiß ist wie eine Sauna. Denn heizen tut hier jeder gern. Frischluftfanatiker wie ich haben es da schwer. Kaum reiße ich mal die Tür auf, wird auch schon gemosert. Sauerstoff braucht hier scheinbar keiner.

Beim Thema Wärme kommen wir auch gleich zur nächsten Möglichkeit, mal etwas abzuschalten. Die Sauna. In Finnland ist sie ja Gott sei Dank, an jeder Ecke zu finden. So auch im besagten Hotel auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Die Nutzung kostet ganze 2,50 Euro. Da können Saunaliebhaber in Deutschland nur von träumen. Einer unserer Saunagänger ist Olli. Oder er versucht es zumindest. Seitdem ich hier bin, und das sind jetzt wie gesagt 16 Tage, will er in die Sauna. Einmal hat er es geschafft. Die anderen 10 Anläufe sind wegen Besprechungen oder sonstigen Vorkommnissen ausgefallen. Und seine enttäuschte Miene wird immer länger.

Wer jedoch weder Sauna mag, noch draußen im Schnee schlafen möchte und auch nicht das Meditieren gelernt hat, für den bleibt nur eins: Spazieren gehen. Was bei dieser Landschaft sicher nicht zu den schlechtesten Möglichkeiten gehört, für eine Weile seine Ruhe zu haben. Die frische, kühle Luft bläst einem so richtig schön den Kopf frei und man kommt etwas relaxter wieder. Oder auch nicht! Mein Versuch, einmal in Ruhe ein paar Schritte zu gehen, ist nämlich kläglich gescheitert. Ich zog mir gerade meine Sachen an, als Matti mich fragte: "Kann ich mitgehen?" Was soll man da sagen? Er ist schließlich gerade erst angekommen, da kann er noch nicht wissen, wie heilig solche fünf Minuten sein können. Etwas zerknirscht nicke ich und gemeinsam drehen wir eine kurze Runde. Von der gewünschten Erholung kann keine Rede sein. Aber vielleicht hab ich ja das nächste Mal Glück, setz mich wieder an meinen Computer und rufe in Hamburg an.
(Anisha)

Ver�ffentlicht von Redaktion-HH um 19.03.05 17:32

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