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23.03.05
Luft schnappen!
Die Bude ist wieder mal brechend voll. Viele sind aus dem Camp rüber ins Büro gekommen, um an den Lagebesprechungen teilzunehmen. Circa 15 Mann beraten sich angeregt in unserem 30 Quadratmeter großen Büro. Zeit, um mal frische Luft zu schnappen, denn bei so viel Lärm, bekomm ich nicht eine vernünftige Zeile zustande. Auch Beate und Olli wollen mal für ein, zwei Stunden raus und sich den Wind um die Nase wehen lassen. Wir schnappen uns also unser so genanntes deutsches Auto, und fahren in Richtung Lemmenjoki Nationalpark. Er liegt 45 Kilometer, bei hiesigen Verhältnissen eine gute Stunde Autofahrt von Inari entfernt, in der Nähe der norwegischen Grenze im Gebiet Kittilä. Olli fährt, Beate schaut verträumt aus dem Fenster und ich falle bereits nach drei Minuten in einen entspannten Mittagsschlaf. Nur am Rande hör ich Olli noch sagen, das ich die schöne Landschaft verpasse. Doch das ist mir jetzt egal, denn ich bin auf einmal unsagbar müde, und den Rückweg gibt es schließlich auch noch.
Auf einer Gesamtfläche von 2855 Quadratkilometer liegt der Lemminjoki Nationalpark, und ist damit der größte in ganz Finnland. Dieser Abschnitt gehört genauso wie die, die wir markieren, zu den letzten Urwälder Europas, was so viel bedeutet, dass er naturbelassen ist. Mit anderen Worten findet keine Forstwirtschaft statt und auch sonstige menschliche Einflüsse sind nicht vorhanden. Ein Wald der einfach so wächst wie es ihm beliebt, und das seit mehr als tausend Jahren.
Finnland ist das waldreichste Land der Europäischen Union. Von der ursprünglichen Waldfläche sind jedoch nur noch fünf Prozent erhalten, etwas über eine Millionen Hektar. Etwas, was ich mir gar nicht vorstellen kann, wenn man von so viel Wald umgeben ist. Doch das Bild trügt, die übrigen Wälder sind meist artenarme Forstplantagen mit gleichaltrigen Bäumen. 500 Jahre alte Exemplare, wie man sie im Lemmenjoki Nationalpark findet, gibt es dort nicht. Und auch wenn die borealen Nadelwälder, zu dieser Gruppe gehört er nämlich, recht dünn besiedelt sind, gibt es indigene Völker, wie die Sami, die in den Wäldern leben und ihn als Nahrungsquelle nutzen - auch heute noch. Deshalb haben es die samischen Rentierzüchter, aus dem Nationalpark auch etwas leichter, als die aus dem Gebiet Siuttajoki, denn in einem Nationalpark bleiben sie vom Einschlag verschont.
Als Olli gerade auf dem Parkplatz des Dorfes Njurgulahti, dem Ausgangspunkt für Wanderer einfährt, wache ich auf. Bis auf einen kleinen Jungen ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Beim Aussteigen ruft der Kleine in englisch: „Sprichst Du finnisch“? „Nein, aber Englisch“. Woraufhin er mir stolz erklärt, dass seine Eltern hier arbeiten, seine Mutter ihm Englisch beigebracht hat und das der Nationalpark geschlossen ist. Komisch, ich dachte, dass gerade im Winter hier Hochbetrieb ist. „Wie heißt Du“, wollte ich noch von ihm wissen. „Geir“ antwortet er und malt ohne zu zögern seinen Namen in den Schnee.
Gleich hinter einem Haus geht es runter zum Lemmijoki See, den ich zielstrebig ansteuere. Der Anblick ist atemberaubend. Rund um den See liegt der Wald und auf dem Eis, ganz weit hinten, überqueren drei Rentiere in aller Seelenruhe die verschneite Oberfläche. Langsam versuche ich näher zu kommen. Mist – ich bin noch keine drei Schritte weiter und schon haben sie mich entdeckt. Kein Wunder, jeder Schritt ist so laut, wie ein ganzer Schuppen schnarchender Holzfäller. Und da laufen sie auch schon. Ich denk, ich bin pfiffig und versuche ihnen den Weg abzuschneiden. Am Liebsten würden ich richtig los laufen, doch dann rennen sie gleich um ihr Leben, so haben sie nur einen Zahn zu gelegt. Also nähere ich mich Schritt für Schritt, immer schräg auf sie zu. Doch schwup - sie sind um eine Biegung verschwunden.
Olli und Beate holen auf. Olli kramt hektisch in seiner Fototasche und will versuchen doch noch ein paar Fotos von den drei Ausreißern zu schießen. Denn als wir um die Ecke biegen, stehen die drei gemütlich mitten auf dem See und schnuppern nach was Essbaren. Endlich ist die Kamera zusammen gebaut, was bei der Kälte und blanken Finger immer wieder das Äußerste von einem fordert. Fertig. Nichts passiert. Die Batterien. Super Olli, so wird das nie was mit den Bildern. Inzwischen haben die Rentiere uns natürlich wieder entdeckt und machen sich schnell aus dem Staub. Nach endlosen herum getüddel, ist Olli endlich fertig. Setzt die Kamera an. Weg. Wieder mal typisch. Das war’s dann mit den Fotos.
Auf einmal schreit jemand wild mit den Armen fuchtelnd: „Kein Eis - Runter da“. Verwundert schauen wir drei uns um. „Kann doch gar nicht sein, das Eis ist doch Meter dick hier“, meint Olli. Beate stimmt zu und es beginnt eine unsinnige Diskussion, was das Ganze nun zu bedeuten hat. Ich für meinen Teil, nehme einfach nur meine Beine in die Hand und verlasse schnellstens die Eisfläche. Ein Eisbad mag was für Saunagänger sein, aber ganz sicher nichts für mich.
Nicht von weglaufenden Rentieren abgelenkt, sehe ich mir die Umgebung genauer an. Märchenhaft. Hohe, dicke Bäume stehen bis zur Uferböschung. „Was sind das hier für Bäume“? frage ich, während wir zurück zum Ufer gehen. „Überwiegend Birken und Kiefern. Fichten gibt es erst wieder weiter südlich“, erklärt mir Olli. Er muss es wissen, denn er ist der Experte. „Und was ist jetzt der wesentliche Unterschied zwischen den ursprünglichen und den angebauten Wäldern“? bohre ich weiter: „Viele der Tier- und Pflanzenarten können in den Plantagen aufgrund der Eintönigkeit nicht überleben. Siehst Du den toten Baum dort? Diese brauchen viele Tiere für Nahrung, Schutz oder zum Nisten. Solche gibt es aber kaum in kommerziell genutzten Wäldern“.
Am Ufer angekommen, erwartet uns die Verwalterin des Nationalparks. Sie erklärt uns, dass an der Stelle, wo wir waren ein paar Stellen in der Eisschicht offen sind, man sie aber wegen des Schnees nicht erkennen kann. „Es ist einfach zu gefährlich“. Wir nutzen die Chance und fragen, warum denn der Park im Winter geschlossen ist. Worauf sie bedauernd erklärt, dass leider nicht mehr so viele Menschen Interesse an Ruhe und Abgeschiedenheit haben. Die meisten fahren lieber in die Touristenorte, wo mehr los ist. Aber nächstes Wochenende startet auch bei uns die Saison wieder. Da kann man dann in einem der 54 Betten in gemütlichen Holzhäuschen wieder Ruhe und die Natur pur erleben. „Gut zu wissen“, sagen wir fast aus einem Munde. „Wir kommen auf jeden Fall noch mal wieder“, setzen uns dabei ins Auto und auf geht's Richtung Heimat. Diesmal bleib ich jedoch wach und genieße die Landschaft in vollen Zügen...
(Anisha)
Ver�ffentlicht von Redaktion-HH um 23.03.05 12:21