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15.03.05
Von Rentieren, Frostbeulen und Muskelkater
Muskelkater. Ich kann’s kaum glauben. Schon jetzt auf dem Rückweg. Wir kommen doch gerade erst von unserem Besuch bei der Sami Genossenschaft in Siuttajoki, nördlich von Inari, wo Dave und ich beim sogenannten Rentier Round Up zusehen durften. Um dorthin zu kommen, muss man zu dieser Jahreszeit eine dreiviertel Stunde mit dem Motorschlitten fahren. Und ich muss sagen: "Es sieht romantisch aus, ist aber die reinste Hölle", zumindest für meine Muskeln.
Sechs paar Hosen, drei T-Shirts, zwei Pullis, zwei Jacken und drei paar dicken Strümpfe habe ich an. Dazu kommt noch der Motorradhelm, darunter eine Gesichtsmaske und drum herum sind zwei Schals gewickelt. Ich fühle mich, wie ein Michelin-Männchen. Von Bewegungsfreiheit kann keine Rede sein. So dick und rund setze ich mich auf den Schlittenanhänger. Dave sitzt hinter mir. Unser Fahrer ist Jarmo. Er soll uns zum Round Up bringen, wo wir uns ansehen, wie die Sami ihre Rentierherden auseinander teilen.
Die Rentierzüchtung richtet sich nach den Jahreszeiten. Früher wanderten die Sami von Sommer- zu Winterweiden und umgekehrt. Das geschieht wegen der Ländergrenzen heute nicht mehr. Die Arbeitsweise der Züchter jedoch ist immer noch von den Jahreszeiten bestimmt. Die Tiere laufen meistens frei in den Wäldern herum, nur zu bestimmten Anlässen wie Schlachten, Ohrmarkierung oder Zählung werden sie zusammengetrieben und beaufsichtigt. Jetzt im Frühling beispielsweise, damit die Weibchen in Ruhe kalben können.
Es gibt einen großen Ruck, und der Schlitten fährt los. An mir vorbei saust die wunderschöne, weiße Landschaft – doch anstatt diese genießen zu können, versuche ich krampfhaft mein Gleichgewicht zu halten. Festhalten geht einfach nicht, dann frieren mir, trotz dicker Handschuhe, die Finger ein. Der Fahrtwind ist einfach zu bissig. Meine Füße sind schon die reinsten Eiszapfen. Hoffentlich ist das gleich vorbei!
Erst 30 Minuten später wird mein Gebet erhört. Auf dem letzten Stück fahren wir an ein paar Koppeln mit mehreren 100 Rentieren vorbei. Sie würdigen uns keines Blickes. Siuttajoki selbst ist eine kleine Anhäufung von Blockhütten. Es ist kein Dorf, sondern der Arbeitsplatz der Muddusjärvi Genossenschaft. Jarmo parkt den Schlitten vor Anttis Hütte, einem der Rentierzüchter, der rund 22 Familien, die zu dieser Gemeinde gehören. In seiner Hütte wärm ich mir erst mal die Füße, denn in der Zwischenzeit ist der stechende Schmerz in absolute Taubheit übergegangen.
Mit wiederbelebten Füßen stapfen wir dann durch kniehohen Schnee zum Round Up, wo die Familien gerade dabei sind, ihre Tiere zu trennen, nachdem sie den Winter über zusammen in den Wäldern frei herum liefen. Wir schieben eine grobe, schwere Holztür zur Seite und schlüpfen in die Einzäunung. Dort stehen Männer, Frauen, jung und alt, eingemummelt in dicken Overalls und warten auf die nächste Runde Rentiere. Dave tippt mich kurz an, zeigt auf die Schuhe. Alle, bis auf einen tragen die traditionellen Sami Fellschuhe. Ein lustiger Anblick.
Da öffnet sich auch schon das gegenüber liegende Gatter und eine ganze Horde aufgebrachter Rentiere rast in das Round Up, direkt auf uns zu. Hinter ihnen ein struppiger brauner Hund, dessen Aufgabe es ist, die Rentiere zusammen zu treiben. Was ihm auch bestens gelingt. Für einen kurzen Augenblick möchte ich am liebsten auf die umliegenden Zäune fliehen, denn mich umzingeln auf einmal mehrere, vor Angst schnaubende Rentiere. "Sie überrennen dich nicht, kannst also hier unten stehen bleiben", beruhigt mich Jarmo. Auf die Frage warum, zuckt er nur mit den Schultern. "Das ist einfach so".
Die Züchter fangen an, die Menge genau abzusuchen. Wenn sie eins finden, dann packen sie es am Geweih oder was auch immer ihnen gerade in die Finger kommt. "Wie erkennt man denn sein eigenes Tier?", frage ich. "Die Ohren haben verschiedene Einschnitte. Jede Familie hat ihre eigene Marke. Ich schau mir die Ohren an, denn daran sehe ich, welches Tier mir gehört", erzählt Antti, während ihm schon wieder eins entwischt. Ich kann da nicht den kleinsten Unterschied ausmachen! "Wie kannst du sie auseinander halten, alle Ohren sehen gleich aus?" Er grinst: "Das ist für uns kein Problem, obwohl es circa 1600 verschiede Muster gibt. Das liegt uns im Blut." Jetzt hat er Glück. Am Fell packt, schiebt er ein zappelndes, grunzendes Etwas durch das Gatter, hinter dem die bereits eingefangene Herde auf den Neuankömmling wartet. Und auch die anderen Züchter wurden in der Zwischenzeit fündig. Jeder hat seine Tiere eingefangen. Das Round Up ist also leer, bis auf Menschen. Manch einer nutzt die kurze Pause bis die nächsten Rentiere kommen für einen kleinen Plausch oder um eine zu rauchen. Dann kommen die nächsten, bis endlich alle Tiere getrennt sind. Doch das kann dauern. Ungefährt 2000 Stück müssen Antti und die anderen heute noch auseinander bringen.
Nachdem wir uns das noch drei, vier Mal angesehen haben, gehen wir zurück zur Hütte. Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn meine Füße zeigen schon wieder die ersten Anzeichen von totaler Unterkühlung. Antti grinst schon wieder. "Du solltest unsere Schuhe tragen, dann musst du nicht ständig jammern", und kramt dabei ein paar flauschige Sami Schuhe unter seinem Bett hervor. "Setz Dich", befiehlt er. "Für den Rückweg borg ich Dir meine," und zieht mir auch schon seine Schuhe an. Alles um mich herum schmunzelt. Skeptisch betrachte ich sein Werk. Sie fühlen sich weich und flauschig an, wie Hausschuhe. Das die warm halten sollen, wage ich aber zu bezweifeln, denn ich habe nichts als bloße Rentierhaut an meinen Füßen.
Nach einem warmen Kaffee mit einem Schuss Vodka zur Stärkung, machen wir uns auf den Rückweg. Diesmal sitzt Dave vorne und ich lass mir den Schnee von dem Motorschlitten um die Ohren blasen. Zum Glück haben wir ein Fell dabei. Und noch während ich das um mich drapiere, fährt Jarmo auch schon los. Antti winkt noch zum Abschied, und dann verschwinden wir in der Nacht.
30 Minuten später kommen wir am Auto an. Mir tut erneut jeder Muskel weh, aber ich habe immerhin fast warme Füße. Frostbeulen bleiben mir also erspart, doch morgen früh werd' ich mich vor Muskelkater nicht bewegen können. Autsch!
(Anisha)
Ver�ffentlicht von Redaktion-HH um 15.03.05 11:06
Kommentare:
muß echt schön da oben sein.. ;-)
macht sich eigentlich die polarnacht irgendwie bemerkbar, oder ist es schon zu spät dafür?
Ver�ffentlicht von: tzak at 15.03.05 16:12
Seit meiner Schulzeit habe ich Greenpeace verteidigt, jetzt habe ich gerade über diese Aktion in Inari gelesen- und bin zutiefst enttäuscht.
Ich bin in Finnland geboren, habe von 8-18 Jahren in Deutschland gewohnt, kenne also zwei Kulturen. Deshalb wundere ich mich jetzt auch, wieso Menschen, die noch nicht einmal wissen, wie sie sich im Finnischen Winter zu kleiden haben (sechs paar Hosen , drei T-shirts- noch nie was von Winterbekleidung gehört, z.B. bei Globetrotter zu finden?), zu uns kommen, und uns sagen, wie wir leben sollen???? Leute, ihr wisst nicht, wovon ihr redet...!
Lebt erst einmal mindestens ein bis zwei Jahre im Land, um zu sehen, wie das Leben wirklich ist, anstatt als sogenannter "Ausländer" anzureisen und der Bevölkerung vorzuschreiben, wie sie zu leben haben.
Der Winter bei uns, vor allen für die Rentierbesitzer, ist viel härter, als in diesen oberflächlichen Berichten hervorgeht. Das bedarf viel mehr Forschung als nur für ein paar Wochen zu uns zu reisen.
Und leider ist es so, dass die meisten Probleme entstehen, wenn Aussenseiter sich für Probleme hervortun, unter deren Lösung meist die Anwohner am meisten leiden-nachdem gerade diese Aussenseiter wieder nach ein paar Wochen abreisen in ihre bequemen Stadtwohnungen.
Das die Sami-Kultur seit langem in der Finnischen Polik unterdrückt worden ist, weiss jeder Finne- dafür brauchen wir keine Deutschen, um uns das zu sagen.
Dass in Finnland zuviele Wälder abgeholzt werden, auch Urwälder, weiss jeder bei uns. Doch kommt bitte nicht als sogenannte "Befreier" zu uns, als
ob wir Finnen unsere eigenen Wälder nicht lieben und schätzen würden...Wir kämpfen auch dafür!!!!
Ich kann nur für mich persönlich sagen, das jeder Beitrag auf dieser Seite einfach lächerlich klingt- unwissende Leute, die nicht wissen, wovon sie reden- und verbreiten dieses Unwissen noch weiter...
In meiner Kindheit stand Greenpeace für Forschung, Umweltschutzt, Gerechtigkeit usw.-was ich hier gelesen habe, ist ist nicht, was ich von Greenpeace erwartet habe!
Ver�ffentlicht von: Tarja at 17.03.05 21:55
Hallo Tarja, mein Name ist Joe Reinhartz von der Greenpeace-Gruppe in Frankfurt/Main und ich habe Deinen Beitrag auf der Website des Greenpeace-Uwaldcamps gelesen und muß mich etwas wundern. Zum einen arbeitet Greenpeace in Finnland mit den Sami zusammen und auch mit finnischen Greenpeacern. Es ist bei Greenpeace nämlich üblich, das nur wenn einheimische Leute vor Ort es wünschen, Leute von außerhalb dort hingehen, um dort den einheimischen Umweltschützern zu helfen. Das ist dir beim Lesen der Greenpeace-Seiten evtl. entgangen.Was Urwaldzerstörung in Finnland bedeutet weis ich aus persönlichen Gesprächen und Filmen von einigen Sami, die uns hier besucht haben.Ich habe bis heute keinen Anlaß an den Berichten der Sami zu zweifeln. Außerdem habe ich Urwaldzerstörung in Kanada mit eigenen Augen sehen können, da meine Schwester dort lebt. Wie auch in Finnland, sind dort auch die Ureinwohner die Leidtragenden.Um es nochmal deutlich zu sagen: Die ausländischen Greenpeacer sind nach Finnland eingeladen worden! Es macht durchaus Sinn, das sie am Ort des Geschehens sind. Denn ob der finnische Urwald und die Kultur der Sami überleben kann, hängt nicht nur davon ab, das es Menschen in Finnland gibt, die erfreulicherweise die Sami unterstützen, sondern wird zum Großteil an den Kassen der Supermärkte Europas entschieden und ob die Leute verstärkt Recyclingpapier verwenden. Natürlich sollen auch die Wälder weiter genutzt werden. Das kann mit Hilfe von ökologischer Waldwirtschaft auch gelingen und auch die Arbeitsplätze der Forstarbeiter erhalten, sowie es beispielsweise in einigen Gebieten Schwedens schon funktioniert.
Wenn der Urwald nicht mehr da ist, werden die finnischen Holzkonzerne unseren Kindern erklären müssen wo er geblieben ist.
Joe Reinhartz
Ver�ffentlicht von: joe reinhartz at 20.03.05 23:40