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17.04.05
Weite Welten
Gestern war ich für unseren Fotografen Tim von Greenpeace International der Chauffeur. Er hat uns besucht, um unsere Kampagne zu dokumentieren. Dafür musste er natürlich von A nach B. Und da alle andere in den Wäldern rund um Inari beschäftigt waren, habe ich mich angeboten, ihm sowohl das alte, als auch das neue Camp zu zeigen. Wir waren Stunden unterwegs. Hin und her, wieder und wieder. Dabei ist mir erneut aufgefallen, wie unglaublich weit dieses Land ist. Kein Weg ist kürzer als eine halbe Stunde, wenn nicht sogar noch länger. Entschädigt für den ungeheuren Zeitaufwand wird man jedoch von einer wunderschönen Landschaft. Wenn man an den vielen Seen mit den glitzernden Schneemassen entlang fährt, kommt man sich vor, wie in einem Märchen von Hans Christian Andersen. Schade, dass wird gerade gestern immer wieder von kleinen Schneestürmen überrascht wurden. Doch auch so, kann man der Landschaft durchaus was abgewinnen.
Aber zurück zu den Weiten. Um mal eine Vorstellung zu geben, um welche Dimensionen es sich hier wirklich handelt, habe ich mal nachgeforscht. Finnland selbst hat beispielsweise eine Gesamtfläche von 337.030 km², dass ist zwar etwas kleiner als Deutschland mit seinen 357.026,55 km², doch man muss das ja auch auf die Einwohner pro Quadratkilometer beziehen. Bei uns sind das 230,86 Einwohner pro Quadratkilometer und in Finnland gerade mal 17,1 und in der Gemeinde Inari, wo wir unser Camp haben, ist es wie die Nadel im Heuhaufen: Gerade mal 0,42 Einwohner pro Quadratkilometer, dabei umfasst die Gesamte Gemeinde 17.321,32 Quadratkilometer. Kein Wunder also, dass man von einem Ort zum nächsten so endlos lange braucht. Doch jetzt Schluss mit den vielen Zahlen, zurück zur Wirklichkeit.
Wie sieht also so ein Leben in solchen menschenarmen Gegenden aus? Wir selbst können nur im Ansatz erahnen, was das bedeutet, schließlich sind wir nur für einen absehbaren Zeitraum hier. Trotzdem spüren wie die Distanzen schon bei der Anreise. Die meisten Aktivisten kommen mit Bus und Bahn, das heißt im Klartext sie sind locker zwei Tage unterwegs. Wir halten fest: Finnland ist nicht Australien, nicht das andere Ende der Welt und doch reist man ungefähr genau so lange, wie von Hamburg bis nach Sydney.
Die Einheimischen sind da schlauer. Im Winter nutzen Sie beispielsweise den Inarisee für Abkürzungen. Braucht man von Nellim auf der Strasse gute anderthalb Stunden, ist man mit dem Motorschlitten bereits in 30 Minuten da. Das geht natürlich nicht immer, aber wenn die Möglichkeit besteht, hüpft beispielsweise unser samischer Freund Kalevi schnell mal auf seine Maschine und ist im Hand umdrehen auf der anderen Seite des Sees. Und da er nicht der einzige ist, der diese Gelegenheit nutzt, stehen in regelmäßigen Abständen Verkehrzeichen und Distanzschilder mitten auf dem Eis. 
So leicht wie die Erwachsenen haben es die Kinder wiederum nicht. Beschweren sich in Deutschland Eltern immer wieder über lange Schulwege? Da kann ich nur sagen: Kommt mal hierher. Hier werden Kinder erst von den Eltern mit dem Auto zur Schulbusstation, dann vom Bus in die Stadt und dort meistens noch von der Haltestelle mit dem Taxi zur Schule gebracht. Und keiner meckert, so ist das eben, wenn man am fast nördlichsten Punkt Europas lebt.
Sehr beeindruckt hat mich vor allem ein fahrender Staubsauger-Laden. Was man sich darunter vorstellen soll? Ganz einfach. Man nehme einen ausrangierten Postwagen, den mit der Klappe an der Seite. Packt statt lauter Päckchen, vom Staubsauger über Staubsaugerbeutel bis zu den kleinsten Zubehörteilen alles in den Wagen und fährt durch ganz Nordfinnland. Die Begründung ist ganz simpel. Die richtigen Läden können schließlich nicht alles unterbringen, deshalb gibt es ein paar Menschen, die eben von Ort zu Ort fahren, mit solchen Sachen, die andere Geschäfte nicht haben. In diesem Fall eben Staubsaugerzeugs. Und gekauft wird tatsächlich, es scheint sich also zu lohnen.
Was sich in Inari wiederum nicht lohnt und deshalb kurz vor der Schließung war, ist der einzige EC-Automat. Letztes Jahr wollte die Bank ihn eigentlich abschaffen, da er zu wenig benutzt wurde. Allerdings haben sie sich dann doch noch um entschieden, denn der nächste ist erst wieder in Invalo. Und das sind immerhin 38 Kilometer. Eine ganz schöne Strecke nur um mal eben ein wenig Geld abzuheben. Dies erklärt aber, warum so viele Finnen selbst die kleinsten Kleckerbeträge mit der EC oder Kreditkarte bezahlen. Ich jedenfalls bin froh, dass es das Ding hier gibt, denn die Auslandsabbuchungsgeböhren würden doch den Rahmen sprengen, wenn man für jede Cola mit Karte zahlen würde.
(Anisha)
Ver�ffentlicht von Redaktion-HH um 17.04.05 14:13