Mit meinen 21 Jahren kann ich zwar nicht unbedingt behaupten eine "Veteranin" zu sein, aber trotzdem habe ich die letzten Jahre einen großen Teil meiner Freizeit Greenpeace gewidmet. Das ist kein "Job" im eigentlichen Sinne. Selbstverständlich gibt es auch Menschen die hauptamtlich bei Greenpeace arbeiten, das ist aber nur eine Minderheit. Die meisten "Greenpeacerinnen" und "Greenpeacer" arbeiten ehrenamtlich, weil sie sich für den Umweltschutz einsetzen, etwas bewegen wollen.
Ich möchte keine gängigen Klischees bedienen, z. B. das des "heldenhaften" Aktivisten, der sich todesmutig mit seinem Schlauchboot vor den Tanker wirft. Dieses Vorurteil ist vermutlich ebenso verbreitet, wie das des idealistischen Spinners oder des linken "Terroristen" und entspricht ebenso wenig der Wahrheit.
Je länger ich über diesen Artikel nachgedacht habe, desto mehr Anknüpfungspunkte zwischen den Themen "Greenpeace" und "Jobs ohne Limit" sind mir aufgefallen. Schon die Gründungsgeschichte aus dem Jahr 1971 spricht in dieser Hinsicht Bände: ein Dutzend Friedensaktivisten fährt mit einem klapprigen Fischkutter vor die Küste Alaskas, um zu verhindern, dass die US-amerikanische Regierung dort ihre Atomtests durchführt. Auch heute noch bricht jede Greenpeace-Aktion Grenzen: Gesellschaftliche Grenzen, nationale Grenzen, individuelle Grenzen - die Liste geht noch weiter. Es gibt aber auch Grenzen, die wir nie gebrochen haben, z.B. die Grenze der Gewaltfreiheit.
"Lokale Arbeit: Infostände vorbereiten,
Ausstellungen betreuen und so weiter"
Auch wenn es die Aktionen sind, die das Bild von Greenpeace in der Öffentlichkeit prägen, waren sie doch für mich nie der entscheidende Grund, mich zu engagieren. Den ersten Kontakt mit Greenpeace hatte ich 1997 in Clausthal-Zellerfeld im Harz. Damals, im Vorfeld des Castortransportes, wuchs in mir das diffuse Gefühl etwas tun zu wollen. Schon vorher war ich lange Zeit überzeugte Atomkraftgegnerin, da es mir seit frühster Kindheit nicht einleuchten wollte, wie man eine Technologie vertreten kann, die man offensichtlich nicht im Griff hat. Dass ich damit ausgerechnet bei Greenpeace gelandet bin war wohl eher Zufall, bereut habe ich es jedenfalls nie. Die erste Zeit haben sich meine Aktivitäten hauptsächlich auf lokale Arbeit beschränkt, also die Vorbereitung von Infoständen, Betreuung von Ausstellungen und so weiter. Was mir von Anfang an auffiel, ist dass Greenpeace als Organisation unheimlich vielfältig ist und dadurch auch von den verschiedensten Menschen unterstützt und getragen wird. Ob nun als Förderer, als Gruppenmitglied, als hauptamtlicher Mitarbeiter, als "Korrespondent", Kinder im Rahmen von "Greenteams" oder eben als Aktivistin - die Beteiligungsmöglichkeiten sind unheimlich vielfältig.
"Irgendwann war ich bereit persönliche Risiken in Kauf zu nehmen. Diese individuelle Grenze war vermutlich die schwierigste Grenze, die ich überschritten habe."
Erst nachdem ich bereits ein Jahr bei Greenpeace war, habe ich an meiner ersten Aktion teilgenommen. Ich bin nicht unbedingt "revolutionär" erzogen worden und die Vorstellung, dass mein Handeln juristische Konsequenzen tragen könnte, wirkte am Anfang ziemlich abschreckend auf mich. Hinzu kommt, dass auch wenn Greenpeace bei seinen Aktionen einen sehr hohen Sicherheitsstandard einhält, ein persönliches Risiko trotz allem natürlich immer mit dabei ist. Irgendwann habe ich für mich den Entschluss getroffen, dass ich bereit bin diese Risiken in Kauf zu nehmen. Diese individuelle Grenze war vermutlich die erste und bislang schwierigste Grenze, die ich mit Greenpeace überschritten habe. Viele weitere kamen, denn jede Aktion ist anders. Ob man sich nun das erste Mal von einem Schornstein abseilt, nach stundenlanger Fahrt todmüde und total durchgefroren in einem Schlauchboot sitzt, allein in einer Ausnüchterungszelle hockt oder seinen Geburtstag damit verbringt einen Tanker zu blockieren - die Situationen sind nie gleich. Hinzu kommt, dass man auf Aktionen immer mit Menschen zu tun hat, die man nicht einschätzen kann, denn auch jeder Polizist, Werkschützer, Matrose reagiert anders.
"Unternehmen mit den Folgen
ihres Handelns konfrontieren"
Trotzdem oder gerade deswegen bin ich der Überzeugung, dass Greenpeace eine unheimlich wichtige Aufgabe wahrnimmt. Denn jede Aktion bedeutet für die eigene Überzeugung einzustehen. Widerstand zu leisten, in einer Welt, in der die Mächtigen immer mächtiger werden und sich auf Kosten von Menschen und Umwelt bereichern. In einer Welt, in der Regierungen oft genug versagen, wenn es darum geht soziale Standards oder Umweltstandards sicherzustellen. Aktionen konfrontieren die Unternehmen mit den Folgen ihres Handelns. Sie sind nie das alleinige Mittel und nie das Ziel - aber vermutlich das effektivste Mittel. Denn Aktionen erregen öffentliche Aufmerksamkeit und haben somit stets eine Wirkung, die weit über das unmittelbare Geschehen hinaus geht. Aktionen sind ein Akt "zivilen Ungehorsams" - aber auch ein Beitrag für eine "streitbare Demokratie" und somit ein Gegenpol zu einer Entwicklung, die durch "Sicherheitspakete" und sogenannte "Antiterrorgesetze" gekennzeichnet ist.
Auf diese Weise haben wir in der Vergangenheit viel erreicht - und sind damit manchen Politikern und Konzernchefs ein Dorn im Auge. Denn eines ist klar, Aktionen sind unbequem und verhindern, dass Regierungen und Unternehmen ihren "Dreck" einfach "unter den Tisch kehren" können. Bevor sich Greenpeace in den siebziger Jahren mit Aktionen für den Schutz der Wale einsetzte, war über das Wale-Schlachten auf hoher See kaum etwas bekannt. Gleiches gilt für die Versenkung der Brent Spar, Atomtransporte, genmanipulierte Lebensmittel und zahlreiche andere Themen.
Häufig bin ich selber von der Wirkung unserer Aktionen überrascht. In den vergangenen Monaten haben wir mit mehreren Aktionen in Düsseldorf darauf aufmerksam gemacht, dass die West LB eine Ölpipeline in Ecuador finanziert, die katastrophale Auswirkungen für die dortige Umwelt hat. Bis dahin wusste außer einigen Umwelt- und Regenwaldgruppen, die die West LB deswegen schon lange heftig kritisierten, kaum jemand etwas über dieses Thema. Angesichts der Tatsache, dass die Rohre für die Pipeline bereits geliefert waren, hatte ich bei unserer ersten Aktion daher auch Zweifel, ob es überhaupt noch möglich ist, etwas zu erreichen. Mittlerweile haben viele Zeitungen über den geplanten Bau der Pipeline berichtet und die West LB gerät zunehmend unter Druck. So etwas ist immer wieder unheimlich motivierend - weil man sieht das es voran geht und dass das eigene Engagement Wirkung zeigt. Andererseits ist in vielen Bereichen die Umweltverschmutzung weiter fortschreitend und eine Kehrtwende ist noch lange nicht in Sicht. Wie David McTaggert, einer der Mitbegründer von Greenpeace schon sagte: "Es ist ein ewiger Kampf. In Wirklichkeit haben wir noch nichts erreicht. Jeder unserer Siege kann im Nu zunichte gemacht werden. Die Umweltbewegung darf sich niemals ausruhen." Genau das ist Greenpeace' Existenzberechtigung.