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Wiederaufarbeitung: Das Meer als Müllkippe für deutschen Atommüll

'Wiederaufarbeitung', das ist ein harmlos klingendes Wort für ein äußerst riskantes chemisches Verfahren, das hochgiftiges Plutonium und Uran aus abgebrannten Brennelementen abtrennt. Damit sollen Uran und Plutonium in neuen Brennelementen wiederverwendet werden. Doch der 'geschlossene Brennstoffkreislauf', von dem die Atomindustrie so gerne spricht, ist eine falsche Darstellung und ein gezielter Werbeslogan der PR-Strategen. Durch den Einsatz zahlreicher Hilfsstoffe, Chemikalien und Werkzeuge entsteht mindestens das Zwanzigfache an radioaktivem Müll. Zusätzlich werden bis zum Jahr 2030 durch die Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente 199 Tonnen Plutonium produziert, das nirgendwo wieder verwendet werden kann. Ein Konzept für den Umgang mit dem Bombenstoff haben zur Zeit weder die Atomstromproduzenten noch die Bundesregierung.

In Europa sind zur Zeit drei kommerzielle Wiederaufarbeitungsanlagen in Betrieb: In Sellafield (Mittelwestengland), Dounreay (Schottland) sowie im französischen La Hague.

Radioaktive Einleitungen, verstrahltes Meer

Im Jahr 1997 bringt Greenpeace das Ausmaß der radioaktiven Verseuchung durch die französische Wiederaufarbeitungsanlage ans Licht der Öffentlichkeit. Greenpeace ist mit seinem Schiff 'Rainbow C', Tauchern und Wissenschaftlern direkt vor Ort. An der Greenpeace-Taucher am Cap de La HagueAnlage in der Normandie werden Proben radioaktiven Abwassers, vom Meeresboden und von Meerestieren genommen. Die Analyseergebnisse sind erschreckend: Flüssiger Atommüll wird direkt ins Meer geleitet. Die Gesamtaktivität allein der Beta-Strahler im Abwasser liegt zwischen 209 und 216 Millionen Bequerel pro Liter. Normales Meerwasser enthält nur 12 Bequerel. Die Cäsiumbelastung beträgt 22.000 Bequerel pro Liter und liegt damit 1,5 bis 4,4millionenfach über der Cäsiumbelastung von Nordseewasser in der Deutschen Bucht. Eine Filterprobe des radioaktiven Abwassers - genommen unter Aufsicht eines vereidigten französischen Sachverständigen - ergibt, dass die Betreiberfirma radioaktive Partikel einleitet, die größer sind als genehmigt. Greenpeace verklagt daraufhin die Betreiberfirma Cogema wegen illegaler Einleitungen.

Die Sedimentsproben vom Meeresboden in der Nähe des Abwasserrohres weisen radioaktive Höchstbelastungen auf, die zehntausenmal höher liegen als die verseuchter Fische in Stauseen bei Kiew nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Nach deutschem Recht müsste derart stark verstrahlter Meeresboden sichergestellt und endgelagert werden. Da auch Plutonium nachgewiesen wurde, gilt der Meeresboden nach deutschen Gesetzen als 'kernbrennstoffhaltiger Atommüll'.

Gesundheitsgefährdung: Fliegender Atommüll

Auch in der Umgebung der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield nimmt die Radioaktive Tauben in Sellafieldradioaktive Verseuchung immer groteskere Formen an. Tauben sind dort - wie Greenpeace-Analysen belegen - so stark verstrahlt, dass sie als Atommüll gelten. Sogar der Boden der Taubenschläge muss wegen des strahlenden Kots der Tiere abgetragen und auf Atommülldeponien zwischengelagert werden. Im Oktober 1996 wurde in der Irischen See ein Hummer mit einer Technetium-99-Belastung von 36.000 Bequerel pro Kilogramm gefunden, gemessen vom Sellafield-Betreiber BNFL. Dieser Hummer überschreitet den von der EU festgelegten Grenzwert für Nahrungsmittel nach einem Nuklearunfall um das 28-fache. Greenpeace-Analysen beweisen, dass auch Königskrabben vom Cap de La Hague diese Grenzwerte überschreiten.

Radioaktivität in der Nahrungskette

Ins Meer geleitete Radioaktivität gelangt unweigerlich in die Nahrungskette, an deren Ende der Mensch steht. Signifikant erhöhte Blutkrebsraten sind die Folge. In der britischen Grafschaft Cumbrien, in unmittelbarer Nähe von Sellafield, liegt das Blutkrebsrisiko für Jugendliche bis zu zehnmal höher als im Landesdurchschnitt. In Dounreay im Norden Schottlands und um die französische Anlage La Hague ist die Gefahr, an Leukämie zu erkranken, dreifach höher. Eine Untersuchung von über 3.300 Jugendlichen in ganz Großbritannien und Irland weist Spuren von Plutonium und Strontium in ihren Zähnen nach.

Deutsche Stromversorger und Behörden mitverantwortlich

Die deutschen Atomstromproduzenten - Energiekonzerne wie RWE Energie AG, die PreussenElektra, die Bayernwerke, die Hamburger Electricitätswerke (HEW), die Badenwerke und die Energieversorgung Schwaben (EVS) - sind tief in die schmutzigen Geschäfte der Wiederaufarbeitung verstrickt. Der Dreck der angeblich deutschen Atomkraftwerke wird weitab von der deutschen Öffentlichkeit in den Ärmelkanal und die Irische See geleitet. Somit sind die deutschen Atomstromproduzenten maßgeblich mitverantwortlich für die radioaktive Umweltverseuchung. Fast alle in deutschen Atomkraftwerken entstehenden hochradioaktiven Brennelemente werden nach La Hague oder Sellafield 'entsorgt'. Die Gründe für diese Verschiebepraxis sind offenkundig: Die Atomindustrie weiß nicht, wohin mit der strahlenden Altlast. Die deutsche Atomlobby verteidigt die Skandalpraxis und hofft auf den 'einkalkulierten, hohen Verdünnungseffekt'. Das Atomgesetz schreibt eine 'schadlose Verwertung' vor - davon kann aber keine Rede sein. Doch die zuständigen Landesbehörden und das Bundesumweltministerium stellen sich taub. Der Export abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken zur Wiederaufarbeitung ist rechtlich nicht haltbar.

Stand: August 2001